#4 Erleben, Bewusstsein und organismische Selbstorganisation

Erleben, Bewusstsein, organismische Selbstorganisation

Februar 10, 2022

Mit „Erleben“ oder, bildhafter ausgedrückt, mit dem „Strom des Erlebens“ ist der persönliche Lebensprozess gemeint, wie wir ihn von Moment zu Moment wahrnehmen, verstehen und aktiv weiterführen. Als fortlaufende mentale Abbildung von Lebenssituationen in der „Wahr-Nehmung“, als „Film im Kopf“, der gegenwärtiges Geschehen im Bewusstsein darstellt und erst damit eine willentliche Handlungsreaktion darauf möglich macht, als ständige, automatisch ablaufende „feedback-Schleife“, die Leben in „Er-leben“ verwandelt, stellt der Akt des Erlebens den direkten Zugang zu unserer Selbststeuerung dar.

1 Die Struktur des Erlebens

„Film im Kopf“

Betrachten wir einen Moment unser bewusstes Erleben als eine Kette fortlaufender Wahrnehmungen unserer Lebensprozesse, als eine kontinuierliche Abbildung aktueller Ereignisse in unserem Geist. Wir erleben in jedem Augenblick irgend „etwas“, meist etwas Bestimmtes und konkret Benennbares. Und in ihrer Fülle und unablässigen Aufeinanderfolge verdichten sich diese vielen einzelnen Momente konkreten Erlebens zu einem „Erlebensstrom“. Dieses strömende Bewusstsein eigenen Erlebens in seinem ununterbrochenen, von alleine funktionierenden Dahinfliessen trägt und stabilisiert uns – einerseits. 

Andererseits ist es mit höchst unterschiedlichen und ständig wechselnden eigenen Zuständen verbunden: wir sind mehr oder weniger „dabei“ oder nicht „dabei“ und erleben das Geschehen mehr oder weniger bewusst. Oft ereignen sich die Dinge reflexhaft und automatisch, dann wieder steuern wir sie absichtsvoll und konzentriert. Unsere Geistesgegenwart mag für einige Zeit im Tran versinken, plötzlich taucht sie wieder auf und ist da, hellwach. 

„Ich bin mir meiner bewusst, also bin ich“

Im reflektierenden „Er“-Leben inszenieren wir unser biologisches „Originalleben“ erneut in einer Art Parallelversion im Bewusstsein – in einer reduzierten Version, die alles andere als identisch mit dem Original ist, mit der wir jedoch praktisch umgehen können und die für unsere Lebensbewältigung überaus nützlich ist: unsere Sinnesorgane öffnen uns den Zugang zur Welt. Mit den Funktionen des Fühlens, Denkens und zielorientierten Handelns organisieren wir unser Leben in dieser Welt. Erst die Erzeugung dieses „Films“, die Übersetzung unseres objektiv-körperlich stattfindenden Lebens in eine subjektive und persönliche Abbildung im Bewusstsein, schafft dieses Phänomen des „Ich erlebe …“ und damit des „Ich bin …“, welches den Kern unserer Identität ausmacht. 

Damit hängen wir ganz essentiell an der Nabelschnur dieses reflektierenden Erlebens. Natürlich existieren wir „objektiv“, indem wir körperlich-biologisch leben. Zu einem individuellen, sich selbst wahrnehmenden und identitätsbewussten „Ich“ werden wir allerdings erst, indem wir erleben – frei nach Descartes: „Ich bin mir meiner bewusst, also bin ich“. Gibt es unser Erleben nicht mehr, gibt es, genau genommen, auch uns als Identität, als Person nicht mehr (auch wenn unser Körper biologisch existiert).

Erleben als „Film im Kopf“, der uns das eigene Leben überhaupt erst erfahrbar macht, Erleben als feedback-Schleife, welche uns Augenblick für Augenblick unser Leben in navigationsfähiger Form zur Verfügung zu stellt: ein vertieftes Verständnis dieses Phänomens ist nicht nur eine „conditio sine qua non“, unverzichtbar auf dem Weg zu einer verbesserten Selbstführung, sondern auch spannend und herausfordernd, weil es sich bei näherer Betrachtung auch als vielschichtig, komplex und als Gratwanderung zwischen sehr gegensätzlichen Tendenzen erweist:

Charakteristika des Erlebens

Bewusstheit

Der Begriff des „Erlebens“ ist mit dem Kriterium der Bewusstheit verbunden. Dies bezieht sich auf die ganze Bandbreite möglichen Erlebens zwischen einem vagen, nur ahnungsweisen Spüren von etwas kaum zu Fassenden und dem vollem, klaren, fokussierten Bewusstsein eines Wahrnehmungsinhaltes. Ebenfalls umfasst es die verschiedenen Bewusstseinsgrade, -zustände (hellwach, dösend, klar, dumpf, chaotisch etc.) und -formen (sinnliche Wahrnehmung, körperliches Spüren, Fühlen, Vorstellungen etc.). Gemeinsam ist all diesen unterschiedlichen Formen von Erleben eine ‒ wenn auch minimale ‒ reflektierende, introspektive Zugänglichkeit zum Gegenstand des Erlebens, ein Erfahren dessen und ein Wissen darum. Das bedeutet nicht, dass uns der Gegenstand des Erlebens immer in seiner Gänze bewusst ist (z. B. kann ein Gefühl von Trauer wahrgenommen werden, ohne dass gleichzeitig die damit verbundene eigene Lebensproblematik bewusst sein muss). Tatsächlich sind die unbewussten Anteile am Erlebensprozess immer die größeren und dominanten ‒ sobald sie jedoch mit der Zone des bewussten Verarbeitung verbunden sind, werden sie „erlebbar“.

Subjektivität

Bewusstes Erleben ist zwar mit einer Tendenz zur Objektivierung verbunden. Wir neigen dazu, die Gegenstände unseres Erlebens (im Abstand dazu) als solche zu verstehen, in Bilder und Worte zu fassen und damit auch mitteilbar, d. h. ein Stück weit „objektiv“ zu machen. 

Dennoch bleibt Erleben zutiefst subjektiv und individuell. Das persönliche „Ich“ ist der Mittelpunkt unseres (Welt)erlebens und diese zentrale Perspektive kann nicht verlassen werden. Das Ich ist der „Eigner“ seines Erlebens und dieses ist unauflöslich gebunden an die Identität des Erlebenden, an sein Bezugssystem im Sinne der Gesamtheit all seiner Lebenserfahrungen und der hieraus geronnenen Persönlichkeit. 

Subjektives Erleben ist nach außen nur begrenzt vermittelbar. Wir sind letztendlich ‒ hinter der Schicht sprachlicher Objektivität und sozialer Kommunikation ‒ mit unserem Erleben allein. 

Autonomie

Unser Erleben ist relativ autonom. Es ist wesentlich abhängiger und viel mehr gesteuert von unserem Unbewussten als uns normalerweise im Rahmen unseres Ich-zentrierten Selbstbilds klar ist. Wir können den eigenen Erlebensprozess zwar ein Stück weit beeinflussen und lenken – wenn wir dies jedoch nicht tun (was ebenfalls häufiger der Fall ist als uns bewusst ist), läuft dieser „unbeirrt“ nach eigenen Mustern weiter. Erleben kann nicht gestoppt werden und es kann ihm auch nicht entronnen werden, es sei denn kurzfristig durch Schlaf, Ohnmachtsanfälle etc. Unsere willentliche Selbststeuerung ist zu- und abschaltbar und bleibt immer nur eine Option. Selbstreguliert erlebt dagegen wird immer ‒ gerade dann, wenn die willentliche „Zusatzsteuerung“ pausiert. 

Gegenwärtigkeit

Erleben ist immer gegenwärtig und findet ausschließlich hier und jetzt statt. Auch was außerhalb des gegenwärtigen Augenblicks existiert, wird uns ‒ wenn überhaupt! ‒ grundsätzlich in der Gegenwart, immer genau jetzt, eingebunden in einen aktuell stattfindenden Prozess der Erinnerung und des Reflektierens, zugänglich. 

Erleben als Prozess

„Gleichzeitig“ fliesst dieses „ewige Hier und Jetzt“ im Zeiterleben als dynamischer Lebensprozess vorwärts, wobei ein Moment auf den eben vergangenen folgt, von diesem abhängt und auf diesem aufbaut (was erst Entwicklung und Wachstumsprozesse ermöglicht). Dieser Doppelaspekt von „ewiger Gegenwart“ und „Prozess in der Zeit“ ist unserem Zeiterleben ebenso inbegriffen wie die Repräsentation von Vergangenheit und Zukunft im erlebten Moment. 

Diese enge Verschränkung von Gegenwart und Zeit wird z. B. im Ablauf von Planung deutlich. Man könnte summarisch sagen: „Ich werde an Pfingsten nach Neapel reisen“. Die genaue Version bestünde aus einer Kombination von (vereinfacht) 3 Jetzt-Erlebnissen: 1. Ich will (Jetzt 1), dass ich Pfingsten in Neapel verbringe. 2. Kurz vor Pfingsten (Jetzt 2) buche ich den Flug, weil ich mich daran erinnere, dass ich Neapel besuchen will. 3. An Pfingsten in Neapel bin ich, nach einer gelungenen Planung, schließlich in Neapel (Jetzt 3).

Erleben als Konstruktion von Realität

Die unmittelbare und subjektive „Wahr-Nehmung“ der Wirklichkeit schöpfen wir ‒ immer: jetzt ‒ aus der aktuellen Informationslieferung unserer Sinne und aus unseren persönlichen Gedächtnisspeichern. Dabei handelt es sich (besonders bei der Außenwahrnehmung) keineswegs um eine 1:1-Abbildung der Wirklichkeit in unserem Bewusstsein. Vielmehr werden einzelne „Sets an Wahrnehmungsreizen“, die wir (bereits selektiv) aufgenommen haben, jeweils mit einem bedürfnis- und erfahrungsorientierten Mix aus Erinnerungen, Wissensschemata, Erwartungen, Fantasien, Wertevorgaben etc. aufgefüllt. 

Aus diesen externen und internen Quellen entstehen die „Filme im Kopf“, die wir als „Realität“ wahrnehmen, die wir bis dahin jedoch bereits (blitzschnell und automatisch) „interpretiert“ und aus unserer subjektiven Sichtweise heraus hochgradig eingefärbt haben. Wir erzeugen somit unsere (erlebte!) Realität fortlaufend selbst. Und dies immer genau hier und jetzt, einschließlich der Vergangenheit, die hier und jetzt erinnert wird, sowie der Zukunft, die ebenfalls hier und jetzt aus erinnerten Einzelteilen konstruiert und in der Vorstellung inszeniert wird. Die Ganzheit unseres Lebens einschließlich (gedächtnisbasierter) Vergangenheit und Zukunft ist somit in komprimierter und aktuell angepasster Form ausschnitthaft immer im erlebten Moment enthalten.

Ganzheitlichkeit und Konsistenz

Erleben ist (einschließlich bestehender Ambivalenzen und Spannungen!) immer vollständig und integriert: sämtliche Bestandteile des Erlebens (Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen, Wahrnehmung der äußeren Situation, Interaktionen etc …) werden als miteinander verbunden und in einem einzigen „situativen Guss“ in Form einer Gesamtsituation erlebt. Einzelne Komponenten (ein Gedanke zur Situation, ein Gefühl, ausgelöst durch die Situation etc.) können hinterher und in Reaktion auf das Erleben gedanklich abgebildet werden, am Anfang jedoch steht das integrierte Erleben als „Gesamtwahrnehmung in einer konkreten Situation“. Und auch der Gedanke, der sich hinterher dazu einstellt, ist wiederum Bestandteil einer neuen ganzheitlichen Situation im Erlebensstrom!

Diese Geschlossenheit und Integration aller Bestandteile des Erlebens resultiert aus dem (von Klaus Grawe, dem bedeutenden Psychotherapie-Forscher, so benannten) „Systembedürfnis nach Konsistenz“, welches über allen Einzelbedürfnissen und Einezlerfahrungen der Psyche steht. Diese Konsistenz ‒ verstanden als Vereinbarkeit und sinnvoller Zusammenhang allen einzelnen Erlebens ‒ wird als fortlaufende Abstimmung sämtlicher aktueller Erfahrungen mit dem angesammelten Erfahrungsbestand der Gedächtnisspeicher aufrecht erhalten und bildet die Grundlage der psychischen Gesundheit bzw. der grundlegenden psychischen Funktionsfähigkeit (von der Störungsseite her gesehen, kommt die Bedeutung der Konsistenz im psychischen Gesamtsystem z. B. in der Schwere der schizophrenen Erkrankungen sehr drastisch zum Ausdruck). 

Die hohe Integration und Geschlossenheit unseres Erlebens bzw. Bewusstseins lässt dieses subjektiv als simpel bzw. „einfach strukturiert“ erscheinen. Tatächlich stimmt das auch. Hochkomplex ist „nur“ die Realität bzw. der Organismus. Das Bewusstsein selbst ist es nicht. Seine körperliche Basis, das Gehirn, ist zwar ein unfassbar komplexes, hochspezialisiertes Wunderwerk der Evolution. Das Bewusstsein selbst als eine seiner psychologisch beschreibbaren Funktionen jedoch ist relativ langsam, wenig belastbar und nur im Besitz einer sehr geringen Verarbeitungskapazität: sozusagen ein unverzichtbarer Spezialist, ansonsten jedoch für kaum etwas zu gebrauchen. Und der geniale „Macher“ ist auch weniger das Bewusstsein selbst als der steuernde Organismus, der das Bewusstsein an genau der richtigen Stelle einsetzt, um sich (dem Organismus) bei der Bewältigung seiner hochkomplexen Aufgaben helfen zu lassen (und uns gleichzeitig das Bewusstsein bzw. unser Erleben so einfach, ausbalanciert und konsistent empfinden lässt).

Intentionalität 

Erleben ist grundsätzlich ein motiviertes, intentionales Geschehen. Wir wollen immer etwas, ob uns dies bewusst ist, im Vordergrund steht, unser aktuelles Handeln bestimmt oder nicht. Jeder Augenblick des Erlebens ist von einem komplexen, hierarchisch geordneten Geflecht unterschiedlicher Bedürfnisse, Motive, Ziele, Wünsche etc. getragen bzw. angetrieben. Unser aktives, selbstgesteuertes Leben ist weitgehend der mehr oder weniger bewussten Verfolgung unserer Ziele gewidmet und wo dies nicht der Fall zu sein scheint (Spaziergänge, im Urlaub die Seele baumeln lassen, dösen, süßes Nichtstun) ‒ erfüllen gerade diese „Nicht-Tätigkeiten“ das Bedürfnis des Organismus nach Regeneration, sind also wiederum intentional bzw. im Sinne unserer Motivation sinnvoll. 

Eng verknüpft mit dem motivationalen Antrieb unseres Erlebens ist die Tendenz, neues Erleben grundsätzlich sofort zu bewerten. Dies beginnt nicht erst im Bewusstsein bzw. bei den kognitiven Prozessen, sondern stellt den organismischen Ur-Reflex dar, jegliches aktuelle Geschehen daraufhin zu überprüfen und zu bewerten, ob es dem Organismus zuträglich ist oder nicht. Angefangen bei den Selbstverteidigungsreflexen „Kampf, Flucht oder Totstellen“, über Emotionen und Gefühle, welche immer auch eine Bewertung der aktuellen Situation enthalten, bis hin zum allzeit bereiten „Inneren Kritiker“ im persönlichen Bewusstsein ist die Tendenz, jegliches aktuelle Geschehen reflexhaft auf seine Bedeutung hin zu bewerten, ein Grundmerkmal des Erlebens.

Zusammenfassung

Unabhängig vom jeweiligen Gegenstand, der Intensität, den Umständen etc. besitzt unser Erleben eine bestimmte Struktur und Charakteristik, die nicht außer Kraft gesetzt werden kann und die jegliches individuelle Erleben jederzeit entscheidend mitprägt.

  • So können wir unser Erleben von vorne herein nur an den „Zipfeln“ packen, die überhaupt in die Zone unseres Bewusstseins hineinragen. Die unbewussten Anteile sind, auch wenn sie mit den bewussten verbunden sind, darüber hinaus weitgehend autonom und funktionieren auch ohne unser willentliches Zutun. 
  • Wir erleben grundsätzlich subjektiv, im filternden Rahmen unserer Identität, unserer gewachsenen Persönlichkeit und angesammelten Lebenserfahrungen. Dabei sind wir „existenziell allein“ und ganz auf uns gestellt. 
  • Wir gestalten und konstruieren unsere Realität ‒ bereits in ihrer Wahrnehmung ‒ hochgradig mit, auch wenn wir uns gerne von dem Eindruck, diese von außen passiv wahrzunehmen, täuschen lassen. Dabei erleben wir nie in isolierten Bruchstücken, sondern immer in ganzheitlichen Situationen und Zusammenhängen, d. h. alles grundsätzlich in einem einzigen „situativen Guss“. 
  • Das Urbedürfnis nach einem stimmigen und sinnvollen Zusammenhang aller Lebenserfahrungen spiegelt sich in der durchgängigen Konsistenz, mit welcher sich unser Erleben permanent selbst organisiert. Unser Erleben ist intentional, d. h. immer von einer situationsgemäßen Auswahl unserer Bedürfnisse, Motiven und Zielen getragen bzw. angetrieben.
  • Erleben ist immer gegenwärtig und spielt sich ausnahmslos im „Hier und Jetzt“ ab. Parallel dazu und aus einer „weiter verarbeitenden“ Distanz heraus, erfassen wir unser Erleben als Momentaufnahmen im Rahmen zeitlicher Prozesse und sortieren diese mithilfe von Erinnerungen und Zukunftsprojektionen in Form von Episoden und Geschichten in das Gerüst unseres Zeiterlebens ein.

2 Die Selbstorganisation des Organismus

Das Ich

Zentrale Instanz unseres Erlebens ist das Bewusstsein bzw. das bewusste Ich: einzigartig und unersetzlich in seiner Fähigkeit des Reflektierens, des „Re-Inszenierens“ von Realität auf der inneren Bühne der bewussten Vorstellung − und gleichzeitig begrenzt und abhängig in fast allen seinen Funktionen und Merkmalen: das Bewusstsein erfährt seine Grenzen durch das Unbewusste, das Ich durch das Aussen und das soziale „Andere“, die Gegenwärtigkeit durch die Mühlen der Zeit. 

Das erlebende Ich kann nur im begrenzten „Lichtkegel“ des Bewusstseins existieren. Dieses wiederum ist, genau genommen, kaum mehr als eine Insel im Ozean einer ansonsten unbewusst funktionierenden Psyche, welche wiederum auch „nur“ eine Ebene bzw. einen Aspekt des gesamten ganzheitlichen, Körper, Seele und Geist umfassenden, Organismus darstellt. Wie eng diese Ebenen miteinander verwoben sind und vor allem: wie sehr dieses insuläre Ich-Erleben vom gesamten Organismus mit reguliert und gesteuert wird, ist ‒ gerade unter der Fragstellung „Verbesserung der eigenen Selbststeuerung“- wollen wir uns im folgenden näher anschauen.

Die organismische Ganzheit

Verlassen wir einen Moment unseren erlebenszentrierten Blickwinkel und betrachten uns von außen als ein vollständig funktionierendes, in sich geschlossenes Lebenssystem, nämlich als „Organismus“. Dieser aus meiner Sicht umfassendste und integrierteste Begriff für das „lebendige System Mensch“ steht

  • von aussen betrachtet: für die Gesamtheit und Ganzheitlichkeit der körperlichen, seelischen und geistigen Vorgänge im Rahmen aller relevanten systemischen (Umwelt)Bezüge
  • von innen gespürt: für das unmittelbare, ganzheitliche Gefühl für uns bzw. unsere körperlich-psychische Ganzheit

In diesem unfassenden Sinn bin „Ich“ mein „Organismus“, der sich sowohl als lebendiges biologisches System von aussen wahrnehmen wie auch in Form eines unmittelbar gegebenen, zutiefst subjektiven und jederzeit präsenten Selbstgefühls spüren lässt. Das entscheidende Merkmal auf dieser Ebene ist die biologisch gegebene, noch nicht in Körper, Geist und Seele unterschiedene Ganzheitlichkeit, dieses so triviale wie unauflösliche Faktum, dass Körper und Psyche nie getrennt, sondern immer in einem ganzheitlichen Guss funktionieren. Man könnte statt Organismus auch den Begriff „Körper“ verwenden, allerdings steht dieser im allgemeinen Sprachgebrauch oft in Abgrenzung zu „Seele“ und „Geist“, was ihm die Bedeutungsebene der Ganzheitlichkeit nimmt. 

Das Bewusstsein

Wir hatten eingangs festgestellt, dass wir ganz essentiell „an der Nabelschnur unseres reflektierenden Erlebens“ hängen und dass es uns als „Erlebende“ definitiv nur als „bewusst Erlebende“ geben kann. Als bewusste, subjektive, ich- und identitätsverhaftete „Inhaber“ unseres Erlebens sitzen wir sozusagen auf dem Concierge-Stuhl im Foyer des Bewusstseins und schauen uns an, was da so alles an Interessantem bei uns eintrifft. Verlassen wir diesen Concierge-Stuhl im Foyer unseres Bewusstseins, zum Beispiel für ein Mittagsschläfchen, leben wir natürlich irgendwie weiter, „er“leben dies jedoch nicht mehr, sprich: es gibt uns dann auch nicht wirklich. Und so sind wir als “Ich” gnadenlos mit unserer Bewusstseinsfunktion verwoben, frei nach Louis XIV, dem Sonnenkönig: „Der Staat, also das Bewusstsein ‒ das bin ich“.

Wie ist es nun um diese „Funktion des Bewusstseins“ bestellt? Wie funktioniert Bewusstsein? Was gelangt überhaupt in dieses „Foyer“ des Bewusstseins und was nicht? Und wie kommuniziert das Bewusstsein mit dem gigantisch großen „Rest“ des Organismus, der sich nicht im Foyer aufhält, also nicht bewusst ist?

Der Begriff des Bewusstseins, seit Jahrtausenden eines des zentralen Themen von Philosophie und Geisteskultur, aber auch noch im letzten Jahrhundert vom Behaviorismus, einer ehemaligen Hauptströmung(!) der Psychologie, als „unwissenschaftlich“ abgelehnt, ist nicht einfach zu fassen. Nähern wir uns diesem Phänomen in Form eines Steckbriefs, indem wir einige für uns relevante Schlüsseleigenschaften zusammenstellen.

Anmerkung: die folgenden Ausführungen bleiben auf die psychologische Ebene beschränkt ‒ dies ausschließlich aus Gründen der Konzentration und nicht ohne eine tiefe Verbeugung in Richtung Hirnforschung, die in ihrem Bereich sehr vieles und entscheidend Wichtiges zur Erhellung des Phänomens des Bewusstseins beigetragen hat und beiträgt!

Die Stärke des Bewusstseins: die virtuelle Spur …

Das Bewusstsein ist neurologisch eng mit dem Neokortex, dem evolutionsgeschichtlich jüngsten Teil unseres Gehirns gekoppelt. Es bildet die inneren und äußeren Umstände einer gegenwärtig erlebten Situation ausschnittweise in einem inneren/psychischen „Vorstellungsraum“ ab (Kurzzeitgedächtnis) und stellt diese „Momentaufnahmen“ dem Ich zur Auswertung und Verarbeitung zu Verfügung. Diese „Abbildung“ bzw. „Repräsentation“ des ursprünglichen „Originalerlebens“ geschieht mittels eines Arsenals von Symbolen, Bildern, Sprache und Gedanken.

Das Instrument des (reflektierenden) Bewusstseins versetzt uns als Menschen in die Lage, uns auf einer „virtuellen“ Ebene von unserem Lebensprozess zu lösen und diesen ‒ den Originalprozess ‒ sozusagen auf eine eigene „Parallelspur“, nämlich in das Bewusstsein, zu „kopieren“. Dort können wir die aktuellen Inhalte bearbeiten (sie kritisch bewerten, Entscheidungen treffen, Zukunftspläne und Strategien entwerfen etc.), um schließlich mit dieser selbst gestalteten Planvariante zum „Original“, zu unserem biologisch-natürlichen Lebensprozess, zurückzukehren und ihn zu beeinflussen und mitzusteuern. 

Die Geschichte der (menschlichen) Evolution belegt mit überwältigender Deutlichkeit, wohin dieser kleine Unterschied (das Bewusstsein als Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren bzw. modellieren) geführt hat. Dabei hat dieses Prinzips der Bewusstmachung die unbewusste organismische Selbststeuerung keineswegs abgelöst, sondern lediglich ergänzt ‒ und zwar ohne die Dominanz der organismischen Gesamtsteuerung auch nur ansatzweise zu gefährden. Wie die Mutter von ihrem verwöhnten Kind, so lässt sich der Organismus von „seinem“ gelegentlich anmaßenden Bewusstsein einiges an Sperenzchen gefallen, behält aber das Heft selbstverständlich in der Hand, um jederzeit nach eigenem Ermessen einschreiten zu können.

… und seine Grenze: die geringe Bandbreite

Mit dem Bewusstsein (und seiner physiologischen Basis, nämlich dem entsprechend entwickelten menschlichen Gehirn) hat die Evolution den Organismus mit einem Instrument ausgestattet, welches die Entwicklung der menschlichen Kultur entscheidend geprägt hat und dessen ungeheures Potential (im positiven im negativen) noch nicht annähernd ausgelotet ist, …

… trotz einer ‒ im Verhältnis zum organismischen Gesamtsystem ‒ unglaublichen Enge und Begrenztheit, was seine Verarbeitungskapazität betrifft!

So hat der dänische Wissenschaftsjournalist Tor Nørretranders* in seinem aufsehenerregenden Werk „Spüre die Welt. Die Wissenschaft des Bewusstseins“ nachgewiesen, dass unsere bewusste Informationsverarbeitung nur einen winzigen Bruchteil der Informationen umfasst, welche wir aus unserer Umwelt aufnehmen. 

Unsere Sinnesorgane versorgen uns mit ca. 11 Millionen bit/s (= Bits pro Sekunde, die sogenannte „Bandbreite“). Das Gehirn verarbeitet ca. 10 Milliarden bits/s und die Bandbreite des Bewusstseins beträgt ca. 16 bis 40 bits/s ‒ lass dir diesen dimensionalen Unterschied mal einen Moment auf der Zunge zergehen! Die gesamte Informationsmenge aus unserer Sinneswahrnehmung wird dabei im Kurzzeitgedächtnis zwischengespeichert, ein Filter wählt sehr schnell aus, was an das Bewusstsein zur Verarbeitung weitergegeben wird und der „Rest“ wird unbearbeitet gelöscht. In jeder Sekunde verwirft unser Organismus also Millionen von Bits, um diesen besonderen Zustand zu ermöglichen, mit dem wir uns als “Ich” identifizieren ‒ nämlich: das Bewusstsein.

Weiterhin arbeitet das Bewusstsein sehr langsam, weil es viel Zeit braucht, um die verschiedenen wahrgenommenen Dinge zu identifizieren, auch wenn es nur wenige und hochgradig aussortierte Informationen verarbeitet. Dies fällt uns kaum auf, einerseits wegen seiner Gewandtheit, mit der es sich blitzartig von einem zu nächsten Gegenstand bewegen kann (eine Schlüsseleigenschaft der Aufmerksamkeit), vor allem aber schlicht und einfach deshalb, weil es ja nichts anderes kennt als sich selbst, also keinen Vergleich hat:

Norretranders: „Das Bewusstsein macht einen sehr viel geringeren Teil unseres Seelenlebens aus, als uns bewusst ist ‒ weil wir kein Bewusstsein davon haben, wovon wir kein Bewusstsein haben … Leicht gesagt, aber schwer einzusehen. Es ist, als verlange man von einer Taschenlampe, dass sie in einem dunklen Zimmer einen Gegenstand ausfindig macht, der im Dunkeln bleibt. Weil es überall hell ist, wohin die Lampe ihren Strahlen richtet, muss sie daraus schließen, dass der ganze Raum hell leuchtet. Genauso kann der Eindruck entstehen, als ob das Bewusstsein das ganze Seelenleben durchdringe, auch wenn dies nicht im entferntesten der Fall ist.“ 

Die Millersche Zahl: 7 plusminus 2

Da das Bewusstsein die Aufmerksamkeit blitzartig von einem Gegenstand zum nächsten lenken kann, wird seine geringe Bandbreite nicht als Begrenzung empfunden, doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass wir uns in einem gegebenen Augenblick nicht mit vielen Dingen gleichzeitig bewusst beschäftigen können. 1956 beschrieb der Psychologe George A. Miller in einem vielzitierten Artikel, dass ein Mensch gleichzeitig nur 7 ± 2 Informationseinheiten (Chunks) im Kurzzeitgedächtnis präsent halten kann. Diese Grenze ist genetisch festgelegt und kann auch durch Training nicht durchbrochen werden. Es ist nicht schwierig, bis zu 2 bis 4 verschiedene Dinge gleichzeitig im Kopf zu behalten, bei 5, 6, 7 wird es eng, und spätestens bei zehn kommen wir in der Regel durcheinander.

Mikro- und Makro-Zustände

An dem Punkt, an dem sich das Bewusstsein die Dinge nicht mehr einzeln nebeneinander merken kann, beginnt es, eine Menge zu sehen, d. h. es bildet aus den nicht mehr überschaubaren „Mikrozuständen“ einen „Makrozustand“: mehr als 7 ± 2 Personen werden als eine Gruppe gesehen, wir laufen auf einem Sandstrand und nicht auf einer Unzahl von Sandkörnern, wir lesen ein Wort und keine Kombination von Buchstaben; aus Zellen wird Gewebe, daraus Organe, daraus Körper, daraus Menschen; und umgekehrt (Makro- in Mikrozustände auflösen): in meiner Verwandschaft ist u. a. meine Familie inbegriffen, in dieser u. a. meine Kinder, in diesen u. a. mein Sohn, in diesem u. a. seine Interessen etc …

Das Bewusstsein gleitet immer zu der Ebene, die es in Form einer überschaubaren Anzahl von Elementen erfassen kann. Im Interview spricht der Autor über seine Bücher; beim Schreiben bildet er aus Worten Sätze und aus diesen wiederum Geschichten; und hin und wieder untersucht er Wort für Wort nach Buchstaben ‒ nämlich nach Tippfehlern.

Lesen wir das Wort „Liebe“, sind uns die Buchstaben gleichgültig, lesen wir dagegen das Wort „Libe“ − ist es der Inhalt.

Das Gestalt-Prinzip

Das Bewusstsein begrenzt also immer die Anzahl seiner aktuellen Inhalte und stellt dazu die passende Detaillierungsebene ein (Miko- und Makrozustände), um auf der Basis einer „überschaubaren Arbeitsfläche“ überhaupt zu funktionen bzw. um nicht von einer nicht zu bewältigenden Komplexität der Inhalte überrollt zu werden. 

Dies entspricht seinem elementaren „Arbeitsansatz“, nämlich: nicht die Realität so abzubilden wie sie ist, sondern: sich die „Realität“ so herauszufiltern und zusammenzupuzzeln, dass das Bewusstsein als „ausführendes Programm“ überhaupt etwas damit anfangen kann. Was im Foyer des Bewusstseins ankommt und sich (beispielsweise als Wahrnehmung oder Gedanke) bei der Rezeption (Ich-Bewusstsein) vorstellt, ist bereits hochgradig aussortiert, bereinigt und interpretiert. Und damit bewusstseinsfähig.

Die Gestaltbildung. Dieser grundlegende Mechanismus des „Es-sich-zurechtlegens“, der intereressegeleiteten Interpretation beginnt schon im ersten Schritt, nämlich bei der Wahrnehmung. Wie die Gestaltpsychologie/Gestalttheorie detailliert herausgearbeitet hat, nimmt der Mensch die (bereits gefilterten) Sinneseindrücke nicht als unzusammenhängende Einzelteile (und schon gar nicht „so wie sie sind“) wahr, sondern organisiert sie im Wahrnehmungsprozess zu einem sinnvollen Ganzen, zu sogenannten „Gestalten“. Dies ist bereits aus der Beobachtung der eigenen Wahrnehmung leicht nachvollziehbar: wir nehmen immer „sinnvolle und ganze Einheiten“ wahr: wir sehen Menschen, Bäume, Straßen und hören Melodien, Rufe und Autos. Wie sind in „Gesprächen“, lösen „Aufgaben“, bereiten „Essen“ zu und bringen „im Herbst“ „den Garten“ „in Ordnung“. 

Figur und Hintergrund. Die fundamentale Wahrnehmungsleistung besteht darin, eine „Gestalt“ aus dem Strom der Sinneseindrücke bzw. dem Pool der aktuellen Möglichkeiten herauszulösen und diese, indem sie im Bewusstsein repräsentiert wird, vom Hintergrund dessen, was auch noch alles möglich oder wahrzunehmen wäre, abzugrenzen. Bei diesem Standardansatz, in dem sich das Bewusstsein seine Inhalte organisiert, geht es immer um eine sogenannte „Figur“ im Vordergrund, welche sich vom (auch „Grund“ genannten) Hintergrund abhebt. Bei Sinneswahrnehmungen wäre es z. B. die gehörte Melodie, die sich vom Hintergrundlärm abhebt, im verarbeitenden Bewusstsein das Thema, über welches ich gerade nachdenke, während alle anderen möglichen Themen gerade im unbewussten Gedächtnis (hier: im „Grund“) abgetaucht sind (aber jederzeit als neue „Figur“ wieder auftauchen können). 

Was sich als jeweils (in welcher Form und mit welchen Akzenten) als aktuelle Figur herausbildet, hängt stark von der momentanen Bedürfnis- und Interessenlage ab. So wird mich mein Durst auf einem Fest eher die Bar sehen lassen, der Hunger den Grill, mein Kontaktbedürfnis die anwesenden Gäste und die Verabredung eine ganz bestimmte Person. 

Für das Bewusstsein ist der „Hintergrund“ im Prinzip immer das gesamte Potential des gegenwärtigen Augenblicks, also alles, was im Moment sinnlich erfasst oder aus dem Unbewusstsein des Innenlebens auftauchen und als Figur repräsentiert werden könnte.

Prägnanz. Die „Figur“ zeichnet sich durch eine sogenannte Tendenz zur „Prägnanz“ aus: der Tendenz nämlich, sich deutlich und erkennbar vom Hintergrund abzuheben und durch bestimmte Merkmale möglichst klar, einfach, eindeutig und vollständig erkennbar zu sein (Tendenz zur „guten Gestalt“). So wird z. B. auch eine Person, die nur den Kopf ins Zimmer hineinstreckt, als ganze Person wahrgenommen (und nicht nur als Kopf mit einem halben Oberkörper).

Die Tendenz, offene Gestalten zu schließen. Diese Tendenz ist ebenfalls gut im Alltag zu beobachten: in einem unbefriedigenden, angespannten Gefühl, wenn bei einem aufgenommenen Film kurz vor Schluss das Ende abgeschnitten wurde, wenn bei einem Musikstück der Schlussakkord nicht erklingt oder wenn du eine fast fertig gestellte Arbeit stehen lassen musst etc. Als längerfristig belastend erweist sich diese Tendenz bei unabgeschlossenen Themen, ungelösten Problemen, weggeschobenen oder verdrängten Konflikten. Kann im Bewusstsein bzw. in der Seele ein wichtiges Thema nicht zu einem Ende gebracht und „abgehakt“ werden, bleibt eine negative Spannung zurück ‒ und eine Tendenz, dieses Thema bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wieder aufzugreifen.

Das Bewusstsein als „Benutzeroberfläche“

Die von uns kurz beleuchteten Charakteristika zeigen allesamt, wie geschickt und effektiv sich das Bewusstsein ‒ gerade in seiner erstaunlichen Begrenztheit ‒ selbst organisiert. Dies setzt sich fort in der Nutzung der riesigen und verschiedenartigen Gedächtnisspeicher, an die das Bewusstsein einerseits seine ‒ gefilterten und bearbeiteten ‒ Informationen lernenderweise übergibt und aus denen es anderseits permanent Informationen bezieht, um aktuelles Geschehen optimal zu bewältigen.

Die Langzeit-Gedächtnissysteme werden keinesweg nur vom Bewusstsein „befüllt“ und genutzt, genau genommen sogar zum weitaus geringeren Teil, doch verhält es sich umgekehrt so, dass das Bewusstsein ohne diese Gedächtnisspeicher zwar funktionieren würde, jedoch nur noch vergleichsweise auf dem Niveau eines demenzkranken Menschen. 

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio unterscheidet in seiner Bewusstseinstheorie 

  • ein sogenanntes Kernbewusstsein, welches die unmittelbar produktiven Bewusstseinsprozesse, die Repräsentation von Wahrnehmung im Bewusstsein, pulsartig durchführt und zwar ausschließlich im Arbeits- bzw. Kurzzeitggedächtnis
  • und das erweiterte bzw. das autobiografische Bewusstsein, welches die Ergebnisse der Kernbewusstseinsprozesse im Langzeitgedächtnis systematisch speichert, koordiniert und wieder als Erinnerung zur Verfügung stellt. Das autobiografische Gedächtnis als jederzeit topaktueller Gesamtpool aller unserer im Laufe des Lebens gespeicherten Erfahrungen und Lernprozesse ist die Basis unserer Identität. Unser Bewusstsein greift in jedem Augenblick unseres Erlebens auf den Pool dieser hochgradig in sich abgeglichenen Lebenserfahrungen zu und gleicht neue Erfahrungen wiederum mit ihm ab. 

Die Benutzer-Illusion des Bewusstseins

Unser Streifzug durch die Arbeitswelt des Bewusstseins hat deutlich gemacht, dass hier keineswegs eine reine, unverfälschte äußere Wirklichkeit in ausschnittweisen Häppchen, sozusagen festgehalten auf Serien von Polaroid-Fotos, in das Foyer unseres Bewusstseins geflattert kommt. Ganz im Gegenteil: was in dieser heiligen Halle des Bewusstseins, auf diesem schwerst zu besteigenden Gipfel überhaupt ankommt, ist extrem handverlesen, hat härteste Relevanzprüfungen und Bewährungsproben hinter sich und muss nicht zuletzt den Konkurrenzkampf mit den „Mit-Impulsen“ erfolgreich überstanden haben ‒ der Ansturm der konkurrierenden Impulse um einen kurzen Aufenthalt auf dem Olymp des Bewusstseins ist hart genug und der sogenannte „Konfliktmonitor“ in den tieferen Regionen unseres Vorderhirns, der unter all den emotionalen und gedanklichen Bewerbern nur die allerwichtigsten auswählt, hat immer reichlich zu tun.

Der Organismus befindet sich in jedem Augenblick seines Erlebens in der zwingenden Situation, sich um seine „Homöostase“, d. h. um die Aufrechterhaltung seines Fließgleichgewichts zu kümmern. Ständig müssen mehr oder weniger drängende Bedürfnisse befriedigt werden (Hunger, Durst, Schlaf, Auskurieren von Krankheit und Verletzung, psychische Bedürfnisse wie Nähe, Liebe, Lust, Abbau von Spannungen, Konflikten etc). Abgesehen von der Befriedigung der Einzelbedürfnisse und der immer wieder neuen Herstellung einzelner (z. T. überlebens- und gesundheitlich relevanter) Gleichgewichtszustände muss vor allem das gesamte, konkurrierende, sich widersprechende und behindernde „Bedürfnispanorama“ unter einen Hut gebracht und abgeglichen werden. 

Diese laufende Herkulesarbeit, die der Organismus zu leisten hat, ist zum größten Teil schon vollbracht, wenn das aktuelle Thema an der Rezeptionstheke im Foyer des Bewusstseins auftaucht. Natürlich setzt sich dieser Prozess im Bewusstsein fort, aber naturgemäß nur auf einer Ebene, die es verarbeiten und in einem Maß, das es bewältigen kann.

Nochmals Tor Nørretranders: „… Der Inhalt des Bewusstseins ist bereits verarbeitet und reduziert und in einen Zusammenhang gestellt, ehe wir ihn erleben… Wir erleben, daß wir sinnlich wahrnehmen, wir erleben aber nicht, daß die Wahrnehmung gedeutet und bearbeitet ist. Wir erleben die umfassende mentale Arbeit nicht, die wir leisten, um zu erleben. Wir erleben sinnliche Wahrnehmung als unmittelbares, direktes Wahrnehmen der Oberfläche von Dingen, doch ist das in Wahrheit das Ergebnis eines Prozesses, der dem erlebten Sinnenreiz Tiefe verleiht. Bewusstsein ist Tiefe, wird aber als Oberfläche erlebt. … Unmittelbares Erleben ist eine Illusion, die gedeutete Daten präsentiert, als seien sie unbearbeitet. Diese Illusion ist der Kern des Bewusstseins: die Welt, erlebt als sinnvoll und gedeutet.“

Kohärenz über alles!

Das Bewusstsein versucht unter allen Umständen, „Kohärenz“ herzustellen, d. h. beim Ich eine stimmige, verstehbare, sinnvolle Version des aktuellen Geschehens abzuliefern. Dafür „lügt es, wenn es sein muss, das Blaue vom Himmel herunter“ (Nørretranders). 

Das wird nachvollziehbar, wenn wir uns in bekannte extreme oder bedrohliche Situationen hineinversetzen: 

  • die Angst des Kindes, das nachts alleine zuhause ist, Schritte zu hören glaubt, in Panik verfällt und eine akute Bedrohungssituation imaginiert
  • die Eifersucht, die uns davon überzeugt, dass der verdächtigte Partner genau das tut, was wir glauben
  • „Eingeborene“ im 14. Jahrhundert, die zum ersten Mal den Schusswaffeneinsatz weißer Kolonialisten erleben und sich dies mythisch erklären (Feuergötter), 

… weil das Bewusstsein, (fast) mehr als alles andere eine Begründung im bekannten Lebenszusammenhang braucht. 

So wie die oben zitierte Lampe naturgemäß das Dunkel „nicht finden kann“, so können wir keine Inkohärenz im Bewusstsein zulassen, weil wir nur „bewusstseinskohärent“ funktionieren können. Angenommen, unsere Katze und der PC-Drucker würde plötzlich anfangen, sich lebhaft auf schwyzerdütsch zu unterhalten, würden wir eher uns selbst eines akuten Anfalls von Wahn verdächtigen als sagen: ok, die Realität zeigt sich gerade von einer ganz neuen Seite. Tatsächlich ist die wahnhafte Realitätsverkennung auch ein Leitsymptom der Schizophrenie als einer schweren krankhaften Bewusstseinsstörung.

Eine andere Analogie passt hier ebenfalls sehr gut: die der Benutzeroberfläche des Computers. Diese, z. B. Windows, vermittelt uns die gesamte elektronische und informationstechnische Komplexität aus den Tiefen des Computers auf eine Art und Weise, die wir verstehen können. Die Benutzeroberfläche simuliert unser Denken und vereinfacht die reale Kompliziertheit des Computers bis zu einem Level, mit dem wir umgehen können. 

Damit ist keineswegs gesagt, die Psyche oder das Gehirn funktioniere wie ein Computer! Diese Analogie soll nur veranschaulichen, dass das Bewusstsein in seiner spezifischen Kombination von Genialität und Beschränktheit einfach (und konkurrenzlos) das Nadelöhr ist, durch welche die äußere und innere Realität auf dem Weg zu unserem Ich hindurch muss ‒ und das funktioniert nur auf der Bühne, die das Bewusstsein bietet und in der Sprache, die das Bewusstsein versteht. 

Alles andere und das ist das weitaus meiste, existiert zwar ‒ aber wir bekommen dies halt nicht mit.

 

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Nørretranders, Tor (2002): Spüre die Welt. Die Wissenschaft des Bewußtseins, Rowohlt Taschenbuch, Hamburg

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